Leonardo da Vincis Zeichnung Der vitruvianische Mensch (1498) ist ein Paradox par excellence: Als eines der bekanntesten Werke der Kunstgeschichte ist es zugleich Zeugnis eines historischen Menschenbildes, das, in Zeiten der Selbstoptimierung und Selbstvermessung, gegenwärtiger kaum sein könnte; es ist Abbild einer vermeintlichen Entschlüsselung des Menschen und führt uns gleichzeitig seine Undurchschaubarkeit vor Augen; es spiegelt wechselseitig Kunst mit Mathematik, Konkretes mit Abstraktion, Endlichkeit mit Ewigkeit. Auch wenn das Original nur etwa alle fünf Jahre ausgestellt wird, ist es doch allgegenwärtig: Fast täglich begegnet uns der Vitruvianus auf Instagram-Kacheln, auf Krankenkassen-Karten, auf italienischen ein-Euro Münzen – und in unserer Ashtanga-Praxis.
Aber werfen wir zuvor einen flüchtigen Blick auf die Komposition und Idee dieses Meisterwerks: Aufrecht steht die Doppelfigur eines athletischen Mannes im Zentrum des Bildes. Seine ausgestreckten Glieder berühren gleichermaßen einen Kreis und ein Quadrat, die seine Gestalt rahmen. Den Mittelpunkt der menschlichen und geometrischen Formen bildet der Bauchnabel. So weit, so gut – nur: so what? Worauf will diese geometrische Anthropologie, die sich in den peniblen Proportionierungen der Körperteile fortsetzt, nun hinaus? Auf nichts weniger, als den Menschen als Verkörperung der ewigen Geometrie des Universums darzustellen, als mikrokosmischer Korpus der makrokosmischen Ordnung.
Was in der Theorie durchaus bestechend klingt, stellte sich in der Praxis jedoch schnell als ein Ding der Unmöglichkeit dar: Der römische Architekt Vitruv (ca. 80 v. u. Z.–15 n. u. Z.), Urheber und Namensgeber des Vitruvianus, hinterließ überhaupt keine Zeichnungen zu seinem homo bene figuratus, seinem wohlproportionierten Menschen. Die klugen Köpfe der Renaissance – Künstler, Architekten, Ingenieure – skizzierten sich an ihm ihre Gänsekiele stumpf und doch wuchsen ihre Entwürfe nie über verzerrte Homunculi hinaus. Erst Leonardo – und wem auch sonst – sollte die Quadratur des Kreises gelingen, nämlich indem er in wenigen Details von Vitruvs Vorgaben abwich und seine eigenen mathematischen, anatomischen, ästhetischen Erkenntnisse einfließen ließ.
Doch zurück zur Ashtanga-Praxis, wo uns der vitruvianische Mensch vor allem in bzw. zwischen den Standhaltungen nach den Sonnengrüßen begegnet: zwischen den trikoṇāsanas und den pārśva koṇāsanas, zwischen zwei der vier pādottānāsanas, im Übergang von pārśvottānāsana, zwischen āsana und samasthitiḥ. Mit Hinblick auf das geometrische Leitmotiv dieser stehenden Sequenz, aber auch darüber hinaus, lassen sich aus dem ‚virtuvian-āsana‘ mindestens zwei Praxismöglichkeiten ableiten:
- Der/die Praktizierende versucht sich, wie Virtuvs getreue Gelehrte in der Renaissance, an ein abstrakte und/oder äußerliche Form anzupassen, um durch sie ein vermeintliches Ideal zu verkörpern. Dass das physiologischer Unfug ist, lässt sich mit einem Blick auf die unterschiedlichen Körpergrößen, -proportionen und -potentiale, die uns in der gemeinsamen Praxis begegnen, schnell feststellen. Dass dies zudem politisch höchst gefährlich sein kann, zeigte die faschistische Vereinnahmung der idealen Normierung des Menschen u. a. in Benito Mussolinis Leonardo-Ausstellung in Mailand im Jahr 1939.
- Der/die Praktizierende erkundet das harmonische Verhältnis und Zusammenspiel des ureigenen Körpers. Auch hier offenbart ein Blick auf zwei Praktizierende, dass sich jedes āsana bei jedem Menschen unterschiedlich gestaltet, dass sich sogar ein einziges āsana bei einem einzigen Menschen im Laufe seiner Praxis unweigerlich wandelt, innerlich wie äußerlich. Wie Leonardo da Vinci tun wir deshalb gut daran, abstrakte und/oder tradierte Theorien in der Praxis zu erproben, zu hinterfragen und ggf. anzupassen. Nicht Zirkel und Lineal sind das Maß unserer Praxis – es sei denn, wir üben uns in Homunculus-Yoga –, sondern die Erfahrungen und Erkenntnisse eines und einer jeden Praktizierenden.
Hier ließe sich ein Punkt setzen – nicht zuletzt, weil mich die Sonne, die Vögel, die Luft des Abends immer deutlicher nach draußen rufen. Doch meldet sich, wie so oft, just an dieser Stelle mein innerer Kritiker und weist mich energisch darauf hin, dass ich wohl unmöglich schlussfolgern könne, der Mensch solle sich als Maß seiner – schlimmstenfalls: aller – Dinge sehen. Of course not, erwidere ich ihm: In ihrer Konsequenz können sich Verhältnismäßigkeiten nie nur aus sich selbst heraus ergeben. Natürlich findet der Mensch, der praktiziert, der lebt, seinen Stand aus den ihm gegebenen körperlichen und geistigen Verhältnissen heraus. Doch ist dieser Mensch immer auch in größere Kontexte eingebunden: soziale und politische, kulturelle und religiöse, abstrakte und konkrete. Ebendas symbolisiert Leonardos Vitruvianus: Dass wir erst in unserem eigenen Verhältnis zu uns selbst und zum Ganzen zu unserer vollkommenen Haltung als Mensch finden. Was könnten wir mehr im Yoga erreichen? Mein innerer Kritiker zeigt sich beschwichtigt. Gemeinsam stehen wir vom Schreibtisch auf und spazieren in die Abendsonne.
Da Vinci, Leonardo: Uomo vitruviano. 1498, Gallerie dell’Accademia di Venezia, Venedig.