prolog
Wenn ich eine einzige Sache benennen sollte, die mich Yoga über die Jahre gelehrt hat, dann wäre es die Tatsache, dass das Leben – jedenfalls mein Leben – aus einem unerschöpflichen, dynamischen, multidimensionalen Aufeinanderfolgen von und besteht. Es beginnt frühmorgens mit meiner Meditationspraxis: ein Gedanke und noch einer und noch einer, nacheinander oder gleichzeitig, die zuweilen zu einem ruhigen Moment der Stille führen, oft aber auch nicht. So setzt es sich den Tag über fort: Einer Sequenz von Atemtechniken folgt eine Serie von Körperhaltungen folgt ein Berg von Texten, die es zu lesen und zu schreiben gilt – was unweigerlich zu mehr Lesen und mehr Schreiben führt –, die begleitet sind einer langen Liste von weiteren Dingen, die man tun müsste, tun sollte, tun könnte… Verehrter Leser, gewiss wirst du wissen, wovon ich spreche. So allgegenwärtig dieses Phänomen auch zu sein scheint, so sehr frage ich mich, worin seine Ursache liegt. Der amerikanische Psychologe William James (1842–1910) verortet es im menschlichen Bewusstsein, das er als „eine wimmelnde Vielfalt von Objekten und Beziehungen“ (224) beschreibt, die unser Leben gestaltet. Auch das Buch Genesis liefert eine Erklärung, wenn es Gottes Schöpfungsprozess als eine polysyndetische Abfolge von und und und schildert, die die Kettfäden bilden, auf denen der Stoff des Lebens gewebt wird (Gen 1,3–5). Und scheint die Grundlage unserer menschlichen und weltlichen Existenz zu sein.
Auch Yoga wird als Verbindung und Vereinigung gedacht. Abgeleitet on der Wortwurzel√yuj, die „verbinden“ und „anbinden“ bedeutet, lautet das Argument, Yoga sei per Definition das Mittel und das Ziel, zwei getrennte Einheiten zu einem harmonischen Ganzen zu vereinen: Geist und Körper, männlich und weiblich, Individuum und Kosmos. Ja und nein. Während diese Logik für die körperlichen Übungen des haṭha-yoga zutreffen mag, erklärt das klassische Yoga von Patañjali mit kompromissloser Klarheit, dass Yoga das genaue Gegenteil von Vereinigung ist, nämlich Unterscheidung, Trennung, Isolation. Wie nun sind diese Verknüpfungen auf den Punkt zu bringen, die sich als roter Faden in verschiedenen Nähten durch die Geschichte der Philosophie und Praxis des Yoga ziehen? Meine Antwort ist einsilbig: mit च oder ca, „und“. Laut Sir Monier-Williams’ Sanskrit-Englisch-Wörterbuch (1899) kann die Sanskrit-Konjunktion ca Verbindung (und) und Kontrast (aber), Inklusion (entweder, oder) und Exklusion (weder, noch), Gewissheit (in der Tat) und Bedingung (wenn) bezeichnen. Kurzum: Sie formuliert Komplexität mit Prägnanz. Ist damit das Spektrum ihrer Bedeutungsmöglichkeiten erschöpft? Natürlich nicht! Wie der britische Lexikograf anmerkt: „Für Lexikografen kann ‚ca-‘ einen Verweis auf bestimmte andere Wörter implizieren, die nicht ausdrücklich genannt werden.“ Aber von vorne: und als Verbindung.
Auch Yoga beginnt gewissermaßen mit einem und: „atha yogānuśāsanam: Wohlan! Weitere Yoga-Unterweisungen“ (YS 1.1). Oft außer Betracht gelassen, verdeutlicht Mallinson und Singletons Übersetzung des Partikels anu– als „weiter“, dass Patañjalis Yoga Sūtra, das auf das4. Jh. n. Chr. datiert wird, nicht ab ovo aureo beginnt – denn wo wäre dann seine güldene Henne? Vielmehr handelt es sich um ein Kompendium verschiedenster Quellen des Yoga: mythische und philosophische, offenbarte und überlieferte, vedischer Herkunft und jenseits davon. Doch ungeachtet seines verbindenden Anfangs liegt Patañjalis Yoga der Meditation ein grundlegend trennender Impuls zugrunde, dessen einziges Ziel die Unterscheidung zwischen und der Trennung von prakṛti (der phänomenalen Welt) und puruṣa (dem reinen Bewusstsein) ist. Wozu? Erlösung natürlich! Um sich aus saṃsāra zu befreien, dem sich selbst verstärkenden Kreislauf von kāma (Begierde) und karma (Handlung), der uns in einem Teufelskreis von Wiederholung und Wiedergeburt gefangen hält. Der logische Ausweg ist, nun ja, der Exitus: das Erkennen des Problems und die Loslösung von jedwedem Handeln, körperlich und kognitiv, für immer. In Patañjalis Worten: „Durch die Beseitigung der Unwissenheit wird die Verbindung [saṃyoga] beseitigt. Dies ist die absolute Freiheit [kaivalya] des Sehers [i.e. puruṣa]“ (YS 2.25). Im Einklang mit der dualistischen Weltanschauung des Sāṃkhya ist saṃyoga Leiden und kaivalya Befreiung. Erlösung ist eine Frage von Entweder-Oder.
Gleichzeitig – wenn auch, historisch gesehen, fast eintausend Jahre später – lehren Texte über die körperlichen Praktiken des haṭha-yoga das genaue Gegenteil. Von den nicht-dualen Weltanschauungen des Advaita-Vedānta und des Tantra beeinflusst, heißt es nun in der Yogabīja des 14. Jhs., dass Yoga „die Vereinigung [saṃyoga!] aller Dualitäten“ ist: von Sonne und Mond, prāṇa und apāna, dem Einzelnen und dem Ganzen (89–90). Dennoch blieb das schlussendliche Ziel unverändert: Mokṣa, die Befreiung aus dem Kreislauf der Wiedergeburten in die mundane Existenz. Wie verhält es sich dann mit Yoga und Leben? In einer Weltanschauung, deren Fokus letztlich jenseits der Welt lag: nicht wirklich – was nicht heißen soll: überhaupt nicht. Die Umrisse des jīvanmukta zeichnen sich zwar in den Texten ab, doch seine Gestalt bleibt vage: Wir begegnen ihm in einem leichenhaften Zustand jenseits der Sinne und des Selbst (Haṭhapradīpikā 4.109), oder als Wanderer zwischen den Welten mit übernatürlichen Kräften (Dattātreyayogaśāstra 128), oder als gewöhnlicher Haushälter mit Kind und Frau, der – halt dich bloß fest, Ashtangi: sogar „Spaß haben“ kann (Śivasaṃhitā 5.260). Sofern alle Anhaftungen aufgegeben sind, ist ein befreites Leben, losgelöst von den karmischen Verstrickungen des Handelns, möglich. Während die grundlegende Logik der Befreiung also weiterhin eine des Entweder-oder ist, wird sie paradoxerweise zur Grundlage eines Yoga-Zustands, in dem ca zudem Sowohl-als-auch sein kann.
Das ist die ursprüngliche Argumentation der Bhagavad Gītā, wie sie Kṛṣṇa Arjuna kurz vor Beginn jener Schlacht darlegt, die im Mittelpunkt des Mahābhārata-Epos steht. Im Bewusstsein, dass die Logik des Krieges Zerstörung und die Logik des karma Leiden ist, sieht sich Arjuna in einem Dilemma gefangen: Eine Weigerung zu kämpfen wäre eine Weigerung, sein dharma, seine angeborene Pflicht als Krieger zu erfüllen, während ein Mitwirken im Krieg ein Fortwirken im karmischen Kreislauf ist. Überwältigt und verzweifelt legt er seine Waffen nieder, auf und daran, sich aus dem Krieg und der Welt zurückzuziehen. Mit göttlicher Gewandtheit kehrt Kṛṣṇa Arjunas Entweder-oder-Dilemma in eine Sowohl-als-auch-Lösung um: „Du bist zuständig allein für das Tun, / niemals aber für die Früchte des Handelns. / Dein Motiv soll nie die Frucht des Handelns sein, / hafte aber auch nicht an der Vorstellung vom Nicht-Handeln“ (2.47). Sofern Arjuna karma von kāma trennt, so resonant ihre Verbindung auch sein mag, „[sind die Weisen] befreit von der Fessel der Wiedergeburten, / und gelangen zu einem Zustand, der frei ist von Leid“ (2.51). Über zweitausend Jahre später findet dieses ca, dieser bedingende Aspekt des Yoga,noch immer ein Echo in Rudyard Kiplings treffend betiteltem Gedicht „If—“ (1895).
So viel – oder vielmehr so wenig – zu den Gestern des Yoga, von denen dieser Essay, ganz im Sinne von Sir Monier-Williams’ treffender Bemerkung über die stummen Verweise von ca, vieles unerwähnt lassen muss. Wie aber steht es um Yogas Heute und Morgen? Ihre Entwicklung, die mit der Kolonialisierung und Globalisierung beginnt, ist wesentlich davon geprägt, dass die Traditionen des Yoga auf Ideen und Praktiken westlicher Kulturen treffen und sich dabei Calisthenics und harmonistische Gymnastik und Kampfkünste mit den Methoden und Erkenntnissen moderner Wissenschaft verbinden, mit der die einzigartige Wirksamkeit und das Heilungspotenzial des Yoga belegt werden sollten, während englischsprachige Mesmeristen und Pseudomeister der Manifestation mit ihren eigenen esoterischen Konzepten versuchten, dasselbe zu beweisen. Die Entwicklung setzt sich mit dem hinduistischen Mönch Vivekananda (1863–1902) fort, der in die USA reist, um dort zu lehren und zu schreiben und dabei Patañjalis Dualismus mit dem Nich-Dualismus des Advaita-Vedānta mit okkulten Spekulationen mit dem christlichen Streben nach einer zeit- und grenzenlosen Wahrheit verbindet. Und so setzt es sich fort, auf dem Weg gen Westen, den nun Gurus wie B. K. S. Iyengar (1918–2014) und Patthabi Jois (1915–2009) folgen, die ihre äußerst elaborierten Systeme physischer Praxis mit Patañjalis Lehren über die Zügelung aller Bewegung in einem einzigen, prägnanten Satz verschmolzen: „Ich unterrichte … Ashtanga-Yoga, die ursprüngliche Praxis, wie sie in Patañjalis Yoga Sūtra überliefert ist“ (Jois). Ca wurde zu einer Verbindung, die zu einer Verschmelzung wurde, bis ca schließlich ganz auf der Strecke blieb.
Dies könnte das Ende unserer Erkundung sein, gäbe es nicht die inhärente Kontinuität von und, die ihren prägnantesten Ausdruck in seinem Symbol findet: &, das bis vor etwa zweihundert Jahren das letzte Zeichen des lateinischen Alphabets darstellte: X, Y, Z, &. & – und was dann? Wenn wir der Logik von & folgen, fangen wir wieder dort an, wo wir begonnen haben: In den frühen Morgenstunden, in Mediation, beobachtend, wie sich der Geist und die Welt als ein verwobenes Nach- und Nebeneinander von &s entfalten. Nach Patañjalis Maßstäben zeigt das nicht mehr als die andauernde Unzulänglichkeit meiner eigenen Meditationspraxis. Und wer wäre ich, mir anzumaßen, seiner Behauptung zu widersprechen? Gleichzeitig zeigt Yogas beständige Auseinandersetzung mit puruṣa und prakṛti, Wahrheit und Illusion, prāṇa und apāna, Rückzug und Engagement, dass ca grundlegend ist für die Wege und Ziele des Yoga: Handeln und Stille, Vereinigung und Trennung, Integration und Transzendenz, die mal im Gegensatz zueinander, mal nacheinander, mal nebeneinander stehen. Man könnte vielleicht so weit gehen zu sagen, dass und den Prozess und das Potenzial der Erlösung formuliert – und sogar, wie das &-Zeichen am Ende des lateinischen Alphabets, ein Ende und Ziel für sich sein kann.
Dieses Ende wäre ein offenes und dynamisches – und muss es auch sein, wenn wir, die wir in einer anderen Welt und Weltanschauung verortet sind, nicht darauf abzielen, alles hinter uns zu lassen. Es wäre eine immerwährende immerwerdende Befreiung, statt einer endgültigen Erlösung. Wenn es uns – ähnlich den Yogis vergangener Zeiten –, darum geht, weniger selbstbezogene und stattdessen bewusstere, mitfühlendere, engagiertere Menschen zu sein, das aber – im Gegensatz zu ihnen – im und für das Hier und Jetzt, dann ist der Ort der Praxis sowieder Einlösung der verbindende Raum zwischen dir und mir. Es ist der Raum von Bezug und Beziehung, den das Leben in der Welt definiert – und das Leben, wie der amerikanische Schriftsteller Philip Roth treffend formulierte: „Life is and“ (309). Wie Yoga äußert sich das Leben als Kontinuität und Wandel, als Verbindung und Trennung, als Vielheit und Einheit. Wie das Leben drückt sich Yoga als „Entstehen und Vergehen“ (6.11) aus, zum Beispiel in seiner frühesten Beschreibung im Kaṭha Upaniṣad, das (mit wissenschaftlichem Vorbehalt) auf die letzten Jahrhunderte v. Chr. datiert wird. Wie das Leben ist Yoga und und als solches ist Yoga Beziehung und als solches ist Yoga Verantwortung – für uns selbst, füreinander und für die mehr-als-menschliche Welt – während wir alle fortwährend entstehen und wieder vergehen.
Bryant, Edwin F. The Yoga Sūtras of Patañjali. North Point Press, 2009.
„Ca, ind.“ Monier-Williams Sanskrit-English Dictionary, 1899, https://sanskritdictionary.com/ca/77625/1. Accessed 22 August 2026.
James, William. Principles of Psychology. Henry Holt and Company, 1890. 2 vols.
Jois, K. Patthabi. „An Interview with K Pattabhi Jois: Practice Makes Perfect.” Interview mit Sandra Anderson. Yoga + Joyful Living Magazine, 1994, https://harmonyslater.com/interview-pattabhi-jois.
Kipling, Rudyard. „If—.“ Rewards and Fairies. Macmillan and Co., 1910.
Mallinson, James, and Mark Singleton. Roots of Yoga. Penguin Books, 2017.
Roth, Philip. The Counterlife. Farrar, Straus and Giroux, 1986.
Die Bhagavad Gītā. Übersetzt und herausgegeben von Michael von Brück. Verlag der Weltreligionen, 2009.
The Dattātreyayogaśāstra. Übersetzt und herausgegeben von James Mallinson, École Française d’Extrême-Orient, 2024. Haṭha Yoga Series 5.
„The Kaṭha Upaniṣad.“ Upaniṣads. Übersetzt und herausgegeben von Patrick Olivelle. Oxford University Press, 1996, pp. 231–247.
The Śivasaṃhitā. Übersetzt und herausgegeben von James Mallinson, YogaVidya.com, 2017.
Alle Übersetzungen aus dem Englischen stammen von der Verfasserin.