Nachdem der letzte Satz des letzten Blog-Beitrags geschrieben war, ging ich also mit meinem inneren Kritiker Spazieren. Während wir unter dem frischen Grün der Bäume liefen, in denen der Wind mit dem Licht der Abendsonne zum Gesang der Vögel spielte, schlichen sich einige meiner Gedanken (wohlbemerkt: nicht alle) zurück an den Schreibtisch, zur organischen Geometrie des von Leonardo da Vinci inspirierten yogi vitruvianus. Warum, dachte ich mir (vielmehr: dachten sie sich), misst sich der Mensch überhaupt an den abstrakten Forme(l)n der Geometrie und Mathematik? Weil sie uns von keinem geringeren als Platon als absolutes Ideal und höchste Wahrheit der unvollkommenen Dinge des Lebens präsentiert wurden (Phaidros 247d–248b), merkt einer von ihnen augenrollend an. Im Gegensatz zu Patañjalis kaivalya, der totalen Trennung von allen Formen prakṛtis, konkret wie abstrakt (Yogasūtra 4.34), lässt sich Platons Ideal wohl kaum als absolut bezeichnen, entgegnet ein anderer dem Besserwisser genervt und fügt hinzu: Was könnte denn wahrer sein als das reine Bewusstsein, puruṣa? Mein Platoniker zuckt betont-indolent mit den Schultern: Darunter könne er sich nichts vorstellen, sagt dieser. Perfect puruṣa, sagt jener triumphal.
Inzwischen hat die unweigerliche Durchlässigkeit der Bewusstseinsströme den Begriff puruṣa in meine Gedanken im Park einfließen lassen. Zeitgleich zur dortigen Diskussion über die Abstraktion des Abstrakten tun sich hier allerdings ganz andere Texte und Kontexte auf: Das große Puruṣa–Sūkta des Ṛg-Veda, zum Beispiel, geschrieben vor etwa 3.500 Jahren, dass vom uranfänglichen Opfer puruṣas erzählt – dort ist er noch, seiner wörtlichen Bedeutung gemäß, der kosmische Ur-Mensch –, durch das die Götter die Welt entstehen lassen:
Aus seinem Geist wurde der Mond geboren; aus seinen Augen die Sonne;
Indra und Agni kamen aus seinem Mund; aus seinem Atem der Wind;
Aus seinem Nabel entstand das Weltall; aus seinem Kopf, der Himmel;
Aus seinen Füßen formte sich die Erde; aus seinen Ohren, die Himmelsrichtungen.
(10.90.12)
Weitab der überirdischen bzw. überhimmlischen Sphären Platons und Patañjalis ist hier puruṣa in der Welt – mehr noch: Er ist die Welt, er ist die Gestirne, er ist das Universum. Als brahman findet sich puruṣa in den späteren Upanischaden wieder und wird dort, gemäß seiner Wortwurzel √bṛh-, zum expansiven Prinzip, das alles Seiende fundiert und durchdringt (Muṇḍaka Upaniṣad 2.1–10b). Ātman, dessen grammatikalische Selbstbezogenheit und buchstäbliche Körperlichkeit zunächst auf die Begrenzung seines Wesens deuten, wird gleichzeitig aufgerufen, sich kraft meditativer Techniken als brahman zu realisieren (Aitareya Upaniṣad 3.1–3) – und das nicht etwa im abstrakt-transzendenten, sondern im ganz weltimmanenten Sinne: So verknüpft das Chāndogya Upaniṣad die fünf Atembewegungen im Körper des Menschen mit den fünf Sinnen, die ihrerseits, wie schon im Puruṣa–Sūkta des Ṛg-Veda, mit den Elementen und Himmelskörpern verbunden sind (2.1.1–5). Doch erst das Markaṇḍeya Purāṇa beschreibt die Bewusstwerdung des Bewusstseinsals systematischen Meditationsprozess, den der Yogi mittels seiner sinnlichen Wahrnehmung der Elemente Erde, Wasser, Feuer, Luft und Äther vollzieht:
Der Yogi soll die Erde berühren und ihre feinstofflichen Eigenschaften durchdringen. Indem er ihre Weite kontempliert, geht er über ihren Duft hinaus.
Ebenso verhält es sich mit dem feinstofflichen Geschmack des Wassers und der Form, die sich durch das Feuer offenbart.
Die Konzentration erstreckt sich in ähnlicher Weise auf die Berührung des Windes. Durch die feinstoffliche Aktivität des Äthers geht er über den Klang hinaus.
So durchdringt er alle Elemente des Geistes durch den Geist. Durch die Aufrechterhaltung dieser Konzentrationsübung entfaltet sich das subtile Bewusstsein.
(40.17–20)
Hier, also, misst sich das Ideal des Menschen nicht an abstrakten Formen oder transzendenten Bewusstseinssphären, sondern an der manifesten und lebendigen Realität der Welt im Ganzen, denke ich mir und stelle fest, dass diese Idee in mir nicht nur kognitiv, sondern auch somatisch Resonanz findet. Überraschend ist das allerdings schon, merkt plötzlich Gedanke am Rande an, und verweist mich auf den weltabgewandten, körperdisziplinierenden, nach Innen gerichteten Yogi, der sich leitmotivisch durch Texte und Traditionen zieht, dessen Interesse an den Elementen bestenfalls in ihrer Überwindung und Beherrschung liegt. Letztendlich aber ist sein Ziel mokṣa, bemerkt er, die endgültige Befreiung aus dem Kreislauf der Wiedergeburten in diese Welt – er geht, wie im Purāṇa beschrieben, über die Elemente hinaus. Ich gebe meinem Gedanken recht. Trotzdem: Wenn mokṣa damit auch die Befreiung aus der Enge des Ichs und Meins bedeutet, ist eine Praxis, die uns weiter, durchlässiger werden lässt nicht ein Weg diesem Ziel in unserem Leben, in dieser Welt näher zu kommen? Meine Gedanken sind still. In mir bewegen sich nur das Grün der Bäume und das Licht der Abendsonne zum späten Gesang der Vögel.
Chapple, Christopher Key. Living Landscapes: Meditations on the Five Elements in Hindu, Buddhist, and Jain Yogas. State University of New York, 2020.
Doniger, Wendy. The Rig Veda: An Anthology. Penguin Classics, 1981.
(Übersetzt von der Verfasserin)